Nocturne 11


Dienstag, 17. April 2007

20.00 Uhr
Konzert — Nocturne 11 — Anekdotische Musik

Luc Ferrari: L’escalier des aveugles (1991)
Volker Hennes: Sweet Cherries (2005)
Klangprojektion: Martin Rumori, Volker Hennes
Mit einer Einführung von Martin Rumori

Dienstag, 17. April 2007, 20 Uhr

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“Es müßte möglich sein, zugleich Musik zu machen und Fetzen von
Realität zueinander in Beziehung zu bringen, also Geschichten zu
erzählen.”

So beschreibt Luc Ferrari (1929-2005) in einem Interview seine
Konzeption einer “musique anecdotique”, die er seit den frühen
sechziger Jahren verfolgt hat. “Der Hörer soll mit den Vorstellungen
und Bildern spielen, die er beim Hören dieser Musik in sich selber
vorfindet.” Dieses bewußte kompositorische Umgehen mit Assoziationen,
die alltägliche Klänge auslösen, steht im Gegensatz zur damals in
Frankreich entwickelten “musique concrète”. Ihr Hauptvertreter,
Pierre Schaeffer, empfand die Assoziation von Klängen mit ihrem
Ursprung als störend für die kompositorische Arbeit, vielmehr sollten
Klänge “akusmatisch”, die Klangbeschaffenheit “an sich” gehört werden.

Dennoch sind die anekdotischen Kompositionen Luc Ferraris keine
naturalistischen Abbildungen, keine “Soundscapes”. “Die Montage
erzählt keine geradlinige Story. Zur Story werden die vielen
Fragmente, die sich da überlagern und kreuzen und vermengen, erst,
wenn die Fantasie des Hörers sich ihrer annimmt und Zusammenhänge
konstruiert.”

“L’escalier des aveugles” gehört nicht zu den bekanntesten Stücken von
Luc Ferrari. Der Untertitel “Recueil de nouvelles” sagt schlicht,
worum es geht: eine Sammlung von Erzählungen. Genauer: verschiedene
Situationen, Orte, Räume in Madrid, die dem aufnehmenden Komponisten
sämtlich von jungen spanischen Frauen nahegebracht werden, mit harten
Schnitten aneinandergereiht in 13 Titeln. Da wird etwa die korrekte
französische Aussprache des Titels der Komposition geübt, ein
Goya-Gemälde im Prado beschrieben oder ein transparentes
Kleidungsstück in einem Geschäft begutachtet und schließlich gekauft,
mit der immer wieder gestellten Frage: “On met quoi dessous?
Qu’est-ce qu’on met dessous? Rien. Nada. Nada.” Die montierten,
bearbeiteten und mit synthetischen Klängen durchbrochenen Atmosphären
wirken aber auch, wenn man nicht jedes Wort versteht. Wirkliches und
Unwirkliches, echte Wiederholung einer Handlung und Loop sind so
miteinander verschränkt, daß ein Übergang erst wahrnehmbar ist, wenn
man schon längst auf die Täuschung hereingefallen ist. Dabei
erscheinen Synthesizer und Effekte fast amateurhaft übertrieben, die
Montage äußerst einfach, roh, unfertig, als hätte Ferrari seine
kompositorische Grundhaltung aus der Szene im Kleidergeschäft bezogen:
Was zieht man drunter? Nichts, nichts, nichts.

Volker Hennes (*1976) beendete sein Studium an der KHM 2005 mit dem
Diplomprojekt “Sweet Cherries”. Ästhetisch in bester anekdotischer
Tradition, ist “Sweet Cherries” konzeptuell eine Komposition, die
psychoakustische Phänomene untersucht, eine Studie über das Zuhören,
über die Aufmerksamkeit. Man kann sie als radiophones Stück hören, in
dem verschiedene Räume und Situationen überlagert und miteinander in
Beziehung gesetzt werden. Der Fön im Badezimmer, Musik im Radio,
Kaufhausatmosphäre, das scheinbar nie gelingende Stimmen eines
Klaviers — hier werden assoziativ Geschichten erzählt, umgesetzt auf
höchstem handwerklichen Niveau. Erst ein Blick auf die
Titelbezeichnungen wie “Concentration is ignorance” oder “Surviving of
the loudest” läßt vermuten, daß es noch eine gänzlich andere
konzeptuelle Ebene in der Komposition gibt — ganz abgesehen vom
Humor. Mit ein wenig Hintergrundwissen ist “Sweet Cherries” ein
auskomponiertes Lehrbuch kognitiver Mechanismen, eine Serie von
Exemplifizierungen in 13 Demo-Tracks, ohne daß je der Verdacht eines
akademischen Dilettantismus aufkommen könnte: eine Reihe fast
unschuldiger, wohlunterhaltender Frechheiten.

In Anlehnung an die akusmatische Aufführungstradition werden die
stereophonen Kompositionen über ein Lautsprecherorchester mit mehr als
30 Kanälen live verräumlicht.

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